Freitag, 25. November 2016

Von Columbus, Hermann Hesse und der Sklaverei

Manchmal entdeckt man im Leben neue „Kontinente“, nicht buchstäblich, aber neue Lebensbereiche, mit denen man vorher nichts zu tun hatte – z.B. Flüchtlinge unsere hiesige Kultur und andere die Kultur der Flüchtlinge. Sie kommen ja tatsächlich von einem anderen Kontinent. Aber auch ohne dies gibt es manchmal überraschend neue Horizonte – positiv, wie negativ. Da ist jemand durch einen Unfall plötzlich gehandicapt und entdeckt als Rollstuhlfahrer die Welt nochmals ganz neu – als würde er wie ein Columbus neue Erfahrungen in einem vorher unbekannten Gebiet machen. Für manche gehört aber auch die Erfahrung dazu, dass sie überraschenderweise lernten, mit den völlig neuen Umständen zurecht zu kommen. Das hätten sie vorher nie gedacht.
Foto (c) Barbara Su
Beeindruckendes, Ermutigendes im eigenen Leben entdecken, das ist manchem Menschen verwehrt geblieben, weil z.B. Eltern oder Lehrer den Kindern sagten: „Das schaffst du nicht“, „du bringst es nie zu etwas.“ Und dann hatten sie später ihre Eltern oder Lehrer überholt. Sie hatten den Glauben an sich selbst wieder zurückgewonnen und Neues erfahren, von dem sie vorher nicht wussten, dass es das überhaupt gibt. Sie waren nicht länger Sklaven der Meinung anderer, nicht mal ihrer Selbstzweifel.
Zweifel – die hatten viele Menschen am christlichen Glauben und an Gott, ohne zu merken, dass sie vielleicht Sklaven einer Erfahrung oder Prägung geworden waren, die ihnen jeden Mut zum Vertrauen in Gott genommen hatten. 
Foto (c) R. Böhm
Auch Hermann Hesse, ein bekannter Dichter vergangener Zeit, war nicht nur Zweifler, sondern auch Spötter.  ….bis er eines Tages überraschenderweise den Kontinent des Glaubens entdeckte. Nie hätte er das vorher für möglich gehalten. Und doch ist es passiert. Seine Wende vom Spötter zum Glaubenden an Jesus findet man sogar in seinen Dichtungen bestätigt, z.B. in den Worten: „…zerschlagen ist die alte Leier am Felsen, welcher Christus heißt…“ Hesse machte sich frei von den Fesseln des Zweifels, des Spotts und der Besserwisserei, die nichts weiter als Unwissenheit waren. Unwissenheit war es, die die Sklaven Nordamerikas länger in Sklaverei hielt als nötig. Viele Sklavenherren hatten ihnen vom neuen Gesetz zur Abschaffung der Sklaverei nichts gesagt.
So machen es auch Zweifel, Angst oder fehlender Mut zum Aufbruch. Sie verraten nicht, was jenseits von ihnen Neues auf uns wartet. Ebenso ist es mit anderen Menschen, die zweifeln oder spotten. Sie bleiben Sklaven ihres Unglaubens.
Kein Wunder, dass Jesus davon sprach, dass Glaube in die Freiheit führt, die Freiheit des Herzens, die Erfahrung der Liebe Gottes und eine begründete Hoffnung für das Leben über alle Grenzen hinaus.

Donnerstag, 13. Oktober 2016

"Es war einmal" oder: Progressiv pflügen

Foto (c) B. Buchspiess
Christen und altgewordene Menschen teilen oft die gleiche Orientierung: sie schauen nach hinten, wie es früher war. Sie halten Vergangenes fest und verklären vielleicht sogar das Gewesene, die eigene Kindheit oder den Zustand der Kirche. "Es war einmal" - so beginnen nicht nur Märchen, sondern auch Schwärmereien von Christen, die sich der Herausforderung der Zukunft entziehen. Aber war die Geschichte wirklich so, wie sie war? Scheinbar ja, denn: die Geschichte kann nicht lügen. Oder doch?
Gewiss, die Geschichte lügt nicht. Vielmehr ist es das Problem der Geschichtsschreibung, also wie man Geschichte darstellt. Da schreiben Menschen Todesanzeigen mit 
Foto (c) B. Buchspiess
Lobesworten, die sie zuvor – bei Lebzeiten des Verstorbenen – niemals über die Lippen gebracht haben. Da war für manchen alt gewordenen Menschen früher (fast) alles besser und in der Kirche könne es mit einem Pastor, der Neues einführt, auch nur bergab gehen.
Sicher - die Erinnerung wird uns nicht völlig täuschen. Es gab Schönes, das vielleicht bis heute in unserem Herzen nachklingt. Doch die Sehnsucht nach „hinten“, nach dem vermeintlich besseren Leben in grauer Vorzeit verrät, wie einseitig wir nach hinten blicken. Und auch die allererste Kirche war alles andere als problemfrei und ein einziger Himmel auf Erden. Und von diesen Fehlern könnte man lernen, damit sich die Geschichte, bzw. die falschen Entscheidungen der Menschheit, nicht stets wiederholen. Das würde sogar in Sachen Gotteserfahrung manches in ein neues Licht stellen. So gibt es manchen Hinweis darauf, dass sich Gott in die Geschichte eingemischt hat, aber Menschen es hartnäckig ignorier(t)en. Ja, Gott zeigt sich immer wieder, oft überraschend, auch in der Geschichte, auch wenn wir ihm die Zeit, die Entwicklungen, auch die Wunder der Natur oft absprechen. Doch Gott hinterlässt seine Fußspuren. Das ist im Rückblick leichter zu erkennen, als heute oder morgen den Hinweis auf einen lebendigen Gott zu geben. Nach hinten sehend können wir verstehen, aber nach vorne schauend können wir nur vertrauen.


Gibt es zu wenig Pioniere (in der Kirche)?

Nach vorne schauen, Gott vertrauen - ist nicht genau dies die Grundeinstellung eines Christen? Und ist damit nicht auch indirekt gesagt, dass zum Christsein gehört, Zukunft zu gestalten? Vielleicht will Gott noch viel mehr Pioniere und ungewöhnlichste Erfahrungen unter den Christen hervorbringen, wenn sie nicht über Gewesenes nachsinnen, sondern mutiger nach vorne schauen.
Christen leben im Glauben und Vertrauen, nicht im Schauen - sagte Paulus. Damit bestätigt er indirekt neu den Blick nach vorne. Nach vorne gerichtet, fortschreitend, d.h. 
progressiv. Statt Äußeres zu bewahren, sich nicht zu verändern, müssten Christen stets Neues ausprobieren und moderne Menschen sein – nicht ethisch-moralisch, aber in vieler anderen Hinsicht – als ‚history maker‘, als Macher einer neuen Geschichte unter Gottes Führung. Hat nicht Gott auch mit Jesus das Vergebungsangebot gemacht, damit selbst die schwärzeste Vergangenheit – vielleicht nicht aus unserem aktuellen Gedächtnis – aber aus der steten Wiederholung ausgeblendet, ja abgeschafft und hinter sich gelassen werden kann?Christsein darf mit dem Alibi, Gottes Wort zu bewahren, nicht zur Augenwischerei werden, wenn wir nach hinten sehen und uns vielleicht von verklärter Geschichte belügen lassen.
Hatte Jesus nicht von der Unmöglichkeit gesprochen, die Hand an den Pflug zu legen und dabei nach hinten zu sehen? Pflügen kann man nur mit dem Blick nach vorne. Jeuss nachfolgen, lebendigen Glauben leben – das geht nur progressiv. „Das Alte ist vergangen…“ (2. Korintherbrief 5, 17) – so Paulus, ein echter ‚history maker‘. Er war zweifellos progressiv und einer der (zu) wenigen Pioniere. Und du – wo würdest du dich einordnen?

Donnerstag, 29. September 2016

Herz ohne Hände - oder: Christen ohne Christentum?

Was nützt ein Christentum ohne Christen?, fragte sich Dorfpastor in einem Artikel seiner Tageszeitung. Da schauen wir ständig auf Kirche, Glaubensformen und christliche Taten, müssen aber fragen, ob das Entscheidende, womit Christsein beginnt, überhaupt vorhanden ist: die persönliche Liebe Gottes im Herzen, die Gewissheit des Himmels für das eigene Leben, die Kraft für eine Veränderung, weil man als Christ den Heiligen Geist, die Kraft Gottes, hat und manche anderen ermutigenden Erfahrungen ganz persönlicher Art.
Gewiss, was nützen uns Formen, wenn der Inhalt fehlt, was nützt eine Autokarosserie, wenn es keinen Motor gibt. Da machen wir uns was vor zu glauben, dass äußerliches Christentum ein gutes Christsein ergeben könne.
Formen ohne lebendigen Inhalt sind leblos, ja tot. Aber Leben ohne Formen ist vielleicht gar nicht lebensfähig? Was würden unsere Organe des menschlichen Körpers machen, wenn sie kein Skelett hätten. Schließlich schwimmen wir nicht wie ein Tintenfisch nur im Wasser. Was nützt ein Automotor, wenn es keine Karosserie gibt, auf die er die Kraft übertragen kann? Was ist das für ein Glaube, der keine Formen, keine Ausdrucksformen findet? Was ist das für ein Christsein, dass kein Christentum schafft, keine christliche Kirche oder Gemeinde? Was ist das für ein Glaube, der Werte hat, aber sie nicht lebt, der an gute Gebote Gottes glaubt, aber sie nicht hält? Das ist bestenfalls ein Hörer des Wortes Gottes, nicht aber ein Täter. Und das - so Jakobus - ist Betrug an sich selbst.
Auch wenn das Reich Gottes nicht von dieser Welt ist, ist es trotzdem noch immer IN dieser Welt und nimmt Formen an, die diese Welt prägen sollen.

Ich brauche keine Kirche, ich kann auch ohne sie gläubig sein – behaupten immer wieder Menschen. Ob jedoch ihr Glaube mehr als eine Daseinsform persönlichster Art ist oder das schafft, wozu er bestimmt ist, ist eine ganz andere Frage. Gilt es doch zu sehen, dass Jesus seine Freunde nicht zum christlichen Glauben bekehren wollte, damit sie ein christliches Herz bekämen. Vielmehr sollten sie mit ihrem christlichen Herzen eine Wirkung in dieser Welt haben, die Jesus beschrieb mit „Salz der Erde“ oder „Licht der Welt“. 
Und nicht zu vergessen der Apostel Paulus, der sich deshalb mit allem Elan versuchte, Gemeindeprobleme zu lösen, weil die christliche Gemeinde, eine wichtige Ausdrucksform der Gläubigen, unbedingt überleben und ihre Funktion für Gläubige und Gesellschaft wahrnehmen sollte. Er wollte nicht nur Christen schaffen, sondern Gemeinden gründen – Formen des Christentums. Wer sich von der christlichen Gemeinde abwendet, wendet sich damit auch teils von Bestimmung und Sinn des Christentums in dieser Welt ab.
Äußere Lebenspraxis und inneres Glaubensherz – sie sind zwei Seiten einer Münze. Da lässt sich nicht daran rütteln. Sie gehören einfach zusammen, wie Organe und Knochen, wie Motor und Karosserie, wie Herz und Hand. Ob dein Herz auch Hände hat?, fragt Dorfpastor.